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FACE  TO FACE II  (Auswahl)
 
 
Die hinreißenden Künstlerfotos von Vera Isler

Eigentlich sind Porträts im Allgemeinen und die Künstlerporträts im
Besonderen nicht so sehr meine Sache. Von Angelika Platen habe ich mal
jene Fotos von Künstlern erworben, deren Werke sich in der Sammlung
des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main befinden. Sie sind
von einer klassischen Schönheit. Aber für die Fotosammlung der
Deutschen Börse in Eschborn (Hessen) habe ich bewusst darauf
verzichtet. Der Grund liegt vielleicht darin, dass das Porträtfoto etwas
Unausweichliches hat. Der Informationsgehalt ist fokussiert, lässt wenig
assoziativen Spielraum zu. Aber ich bin mir dessen nicht sicher.
All meine Argumente „gegen“ die Porträtfotografie zählen bei Vera Isler
nicht. Sie hat einen wunderbaren Instinkt, der auf das Ganze gerichtet
ist. Was die wenigsten Betrachter einer Fotografie realisieren, ist dass
Motiv und Fotograf zwei völlig verschiedene Welten sind. Der Erfolg
einer Fotografie ist das in der Sichtschneise verkörperte Motiv. Anders
ausgedrückt: Das Dokument enthält nie und nimmer das Bild, aber das
Bild enthält stets das Dokument. Das Dokument hält etwas fest, im Sinne
einer nüchtern erfassten Momentaufnahme. Das Bild macht aus dieser
Momentaufnahme ein kompositorisches, sinnliches Ereignis. Auf Vera
Isler bezogen, wir erleben die Künstler, die sie fotografiert in ihrer
ureigenen Schwerkraft. Das ist außergewöhnlich!
Die Sichtschneise, die der Fotograf schafft, ist nur die eine Seite der
Medaille. Die andere besteht in der Fähigkeit, sich auf die Person, die
fotografiert wird, einzulassen. Vera Isler ist und war stets den Künstlern
nahe. Sie kennt deren Schaffen, deren Persönlichkeit. Sich auf eine
Person einzulassen heißt, sie gewissermaßen riechen zu können. Das ist
eine Kunst, eine hohe Kunst. Vera Isler hat mit von den besten
Künstlerfotos geschaffen, die ich kenne. Keiner wirft sich in Pose, oder
sollte er es dennoch getan haben, hatte er bei Vera Isler keine Chance.
Sie kann warten, sie geht auf das Wesentliche. Fast bin ich sicher, dass
sie die Personen, die sie fotografiert hat, auch von hinten angeschaut hat
(ohne dass diese es bemerkt haben …).
Da ich fast alle Künstler persönlich kenne (gekannt habe), mit vielen
zusammengearbeitet habe, spüre ich die Nähe: Das Denken, das
Schauen, das Sein, das Innehalten, das Sinnieren. Wenn es Wahrheit in
einem fotografischen Porträt gibt, dann hat sie Vera Isler eingefangen.
Eva Aeppli (1996): Da ist nicht Furcht, aber eine aufmerksame,
existenzielle Befürchtung im Gesicht.
John Baldessari (1998): Wie er leibt und lebt; entrückt, bedächtig, mit
einem feinen Humor in den Augenwinkeln. Ich habe eben die Gedichte
von Stanley Moss (*1925) gelesen, in der Übertragung von Hans Magnus
Enzensberger. Ich kenne kein Foto von ihm, aber da wäre eine
Verwandtschaft. Ja, Baldessari könnte es so sagen:

Lenin versuchte unser Niveau zu heben, und sprach:
„Liebe sollte man wie ein Glas Wasser brauchen …
Eine gute Bolschewikin erkennt ihr daran;
dass ihre Unterwäsche stets frisch ist.“

Stephan Balkenhol (1998): Er steht da, wie der stämmige, aus einem
Rundholz geschlagene weibliche Akt neben ihm, unglaublich, der Akt ist
sein Alter Ego!

Max Bill (1994): Der ironisch-distanzierte, skeptische Blick eines
souveränen Denkers - (er hat fast alle Sparten belegt). Der Blick besagt:
Man muss mir nichts weis machen.

Daniel Buren (2001): Er sieht aus wie ein Parlamentarier, ein
Kulturpolitiker im Urlaub. Freundlich, offen, unbeirrbar.

Tony Cragg (2000): Heute Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie. Man
stecke ihn in eine Uniform, und er könnte ein britischer Ausbildner im
Irak gewesen sein. Sein Gesicht besagt: „Zweifel? Das Wort kenne ich
nicht.“

Sam Francis (1993): Er alterte schlecht in seiner Kunst. Aber was für ein
schönes, weises Antlitz, so aufmerksam. Ein Philosoph möchte man
sagen. Ich stelle ihn mir vor als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg. Die
Sicht aus der Vogelperspektive, so sagte er einst, hätte seine Bilder
beeinflusst.

Gilbert & George (2003): Phantastisch! Das Exzessive unter der Maske
des Höflichen und Förmlichen. Ein poetischer Zynismus à la Cioran. Das
Abgründige, verbunden mit einem fragenden Blick, auf den jede Antwort
sich erübrigt.

Bob Gober (1995): Ja, das ist er! Ruhig, gefasst, besonnen. Der sinnliche
Analytiker eines Selbst, dessen Tiefen unauslotbar sind. Er hat der
kollektiven Biografie Amerikas eine Tiefenschärfe verliehen.

Gotthard Graubner (1994):
Selbstgefällig und selbstbewusst, aber liebenswürdig: Ja, so ist er. „Über
allen Wipfeln ist Ruh.“

Richard Hamilton (1993):
Wie ein Seismograf sieht dieses bärtige, schmale Gesicht aus: wach,
sensibel, neugierig. Er steht vor einem Bild, in dem das Wort „Iraq“ steht,
eine Art Organigramm der britischen Einheiten. Ein Hinweis, dass er in
der Gegenwart lebt. Hamilton, der zahlreiche Künstler - Dieter Roth
verehrte ihn - durch sein vielseitiges Interesse, durch seine intuitive
Intelligenz beeinflusst hat, erscheint hier als ein Mann von großer
Bescheidenheit. Das stimmt. Ich denke, er ist ein Poet.

Mona Hatoum (1996): Eine große palästinensische Künstlerin mit einem
Aktionsradius von 360 Grad. Eine Grande Dame, einfach gekleidet,
nachdenklich, ein schönes, regelmäßiges Gesicht, mit einer Spur von
Trauer.

Jenny Holzer (1994): Streng ist ihr Gesicht, aber offen. Entfernt denkt
man an Susan Sontag.
Würde man mit ihr ins Gespräch kommen, sind es die Argumente, die
zählen.

Kabakov, Ilya und Emilia (2002):
Ein wunderbares Bild. Die Güte von Ilya, die herzliche Entschlossenheit
von Emilia. Ilya, der mit Gorbatschow in den Westen kam, ein gewaltiges
Oeuvre realisierte, das in nuce schon in der Sowjetunion entstanden war.
Emilia, die Tatkräftige, Stabschef ihres Mannes.

Joseph Kosuth (1994):
Man muss ihn erlebt haben. Durch und durch Kopfmensch. Die Arme auf
einem Stapel verschnürter Zeitungen. (Genial!) Denn nicht die Realität
zählt für ihn, sondern der Transfer in Begriffe und Kategorien. Immer
wieder gelingen Vera Isler Fotos, in denen der Künstler auch eine ander
Funktion innehaben könnte. Er könnte Physiker, Universitätsprofessor
sein. Kosuth schaut auffordernd, ein bisschen spöttisch.

Agnes Martin (1994):
Sofort denkt man an Gertrude Stein. Sie sieht aus wie ein
Indianerhäuptling. Männliches und weibliches durchkreuzen sich in
ihrem Antlitz.
Ein starkes Gesicht! Wie ist es möglich, dass sie derart fragile,
minimalistische Zeichnungen und Gemälde geschaffen hat?

Niki de Saint-Phalle (1996):
Die Polyestergase haben ihre Lunge zerstört. Als ich im Sommer 1969 im
Kunstmuseum Luzern ihre Werke zeigte, war sie eine Schönheit, trug
einen bezaubernden Hut, hakte sich bei mir ein, wir durchquerten die
Stadt und wurden zum „talk of the town“. Jetzt 1996 sieht man die
Spuren ihrer Schönheit. Vera Isler hat sie in ihrer Würde mit der
unvergesslichen Dynamik, die sie stets beseelte, fotografiert.

Robert Ryman (1995):
Er erinnert mich an den grandiosen Dichter Wallace Stevens, der
Vorstand in einer großen amerikanischen Versicherung war. Bob Ryman,
monochromer Maler, in Anzug und Krawatte, könnte ein Manager sein,
der Welt gegenüber aufgeschlossen, nach dem Motto: „we are ready for
you“.

Julian Schnabel (1994):
Die Armbewegung ist die eines Dirigenten. Das ist er. Aus dem
bedeutenden Maler der 1980er Jahre wurde ein weltberühmter
Filmregisseur. Mit seinem Charisma hat Julian stets Welten bewegt. Er ist
Weltenbeweger.

Tacita Dean (2006):
Sie sieht aus wie eine bodenständige Frau aus Mittelamerika. Könnte vier
Kinder haben. Die Energie, die sie ausstrahlt, ist umwerfend. Niemand
käme auf die Idee, dass es sich um eine hervorragende, konzeptuell
arbeitende Künstlerin und Filmerin handeln könnte.

Rosemarie Trockel (1991):
Das schöne, nachdenkliche Gesicht ist so, wie ich es kenne. Rosi hat
heuer den in Israel ausgelobten Wolff-Preis erhalten. Denselben Preis
hat auch Jeff Wall erhalten. Er gilt als Nobelpreis für bildende Kunst. Von
ihrem Studium her (Religionswissenschaft und Mathematik) ist sie das
Querdenken gewohnt. So wie sie Vera Isler fotografiert hat, könnte sie
auch eine Wissenschaftlerin sein. Wenn man genau hinschaut, sieht man,
wie sich der Humor in ihren Augen versteckt.

Jeff Wall (2005):
Er sieht so ernst aus, etwas ungelenk. Aber so ist er, wie ein
Filmregisseur, dem man nicht zutraut, dass die verrücktesten Ideen
durch seinen Kopf gehen, der jedes Detail in seinen Cibachromes und
Fotos mit gesellschaftskritischen Argumenten dergestalt unterfüttert,
dass es nicht auffällt. Jeff Wall ist ein subtiler Denker, dessen Texte weit
in die Kunst- und Ideengeschichte greifen. Es stimmt durch und durch,
wie ihn Vera Isler fotografiert hat: Nicht dass da eine Distanz wäre,
sondern eine Entfernung.

Andrea Zittel (1996):
Wer vor drei Jahren ihre umfassende Ausstellung im Basler „Schaulager“
gesehen hat, erkennt sie sogleich, denn sie sieht in der Tat aus, wie ihre
Möbel bzw. Skulpturen, wie ihre selbst genähten Kleider, von denen sie
eines auf dem Foto trägt. Mit den ineinander verschränkten Fingern, der
Brille im Bund ihres langen, schlichten Rockes, der durchgehend bis über
ihre Brust reicht, sieht sie aus wie eine Lehrerin aus einer Quäker-
Gemeinde. Hinzufügen muss ich sofort: zu ihr würde ich gerne in die
Schule gehen. In ihrem Gesicht finden sich Strenge, Neugier und
Offenheit. Der breite Handrücken verweist auf Hände, die unermüdlich
am werken sind.

Jean Tinguely (1990):
Er sieht etwas Angst einflößend aus. Jeannot war wild und die Güte
selbst, sprach baseldeutsch und hatte ein herrliches Lachen. Noch als
Student veröffentlichte ich 1964 den ersten großen Text über sein
Schaffen. Wir blieben Freunde. Einmal hat er mir eine Freundin
ausgespannt, aber das war okay.

Valie Export (1997):
Vera Isler hat sie im Badezimmer fotografiert. Sie trägt einen kurzen
Rock und eine lange Jacke. Die dichten, kurz geschnittenen Haare stehen
ihr gut. Schalk und Verschmitztes begegnen sich in ihrem Antlitz. Valie
Export ist eine elegante Dame. Vor einigen Jahren sah ich frühe
Zeichnungen von ihr. Die waren exzessiv und gnadenlos, sie haben mich
sehr beeindruckt.

Louise Bourgeois (1993):
Es gibt viele, beeindruckende Fotos der betagten Künstlerin. Das Bild von
Vera Isler ist großartig. Zeigefinger und Daumen, rahmen das vielleicht
schönste Gesichte einer alten Frau. (Auch sie könnte ein
Indianerhäuptling sein!)

Richard Serra (1984): Ein Commander! Neben Alberto Giacometti, der
größte Bildhauer des 20. Jahrhunderts. (Und er wurde mit den Jahren
immer stärker!)

Dennis Hopper (1988):
Ein Freund, mit dem mich viel verband. Vera Isler hat in seinem Gesicht
etwas eingefangen, das ihn wohl zeit seines Lebens geprägt hat: eine
archaische, existenzielle Angst, eine stete, seelische Unruhe, die
machte, dass er immer - manchmal unerbittlich - die eigenen Grenzen
ausloten musste.

Pipilotti Rist (1993):
Sie ist von einer Schlagfertigkeit und Intelligenz, dass es einem den
Boden unter den Füßen wegziehen kann. Ein atemberaubendes Foto! Das
Gesicht im Monitor, den sie auf der Schulter trägt, lacht. Ihr eigenes
Antlitz, von einer luftigen, blonden Frisur gerahmt, zeigt ein kaum
merkliches, ein verstecktes Lächeln. Sie sieht so verführerisch aus, wie
Brigitte Bardot in jungen Jahren. Die Kabel in der Hand zur Faust geballt,
zielen auf den Betrachter. Eine Art: „I want you!”.

Jasper Johns (1993):
Was für ein Kopf! Irgendwie erinnert er mich an jenen von André Gide. Es
ist als hätte sich Vera Isler viel Zeit genommen. Ein Veteran blickt uns
entgegen, ein vereinsamtes, verschlossenes Gesicht. Anlässlich einer
Beckmann-Ausstellung im New Yorker „Guggenheim-Downtown“ führten
wir ein langes Gespräch über den Maler der Argonauten und das
phänomenale Gedächtnis von Leo Castelli.

Was ich in all diesen Fotos nicht angesprochen habe, ist die stets kluge,
situierende, nie demonstrative Inszenierung der Künstler.
Ich wünschte mir, dass viele Museen und Sammlungen, in denen sich
Werke dieser Künstler befinden, auf Vera Islers Fotos zurückgreifen. Und
natürlich gibt es auch eine beträchtliche Zahl von Aufnahmen, auf die ich
nicht eingegangen bin, so zum Beispiel Jeff Koons, den ich persönlich
schätze, dessen frühe Arbeiten für mich von zentraler Bedeutung sind.
Aber er muss stets den „charming boy“ spielen, das nervt mich, und da
kam auch Vera Isler nichts dafür.

Danke Vera!


Jean-Christophe Ammann
Text zu den Bilder Face to Face II von Jean-Christophe Ammann
 
© Vera Isler/ProLitteris,Zürich
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